Wenn der Klimawandel das Durchatmen erschwert
Nach den Feiertagen heißt es oft: Frohes neues Jahr und einmal durchatmen!
Für viele Allergiker:innen gilt das allerdings nur noch eingeschränkt. Denn wer einen Blick auf den Pollenflugkalender wirft (siehe Abbildung 1), erkennt schnell, dass in Deutschland kaum ein Monat pollenfrei ist. Bereits ab Februar beginnen mit einer mittleren Belastung Hasel- und Erlenpollen zu fliegen (DWD 2025). Vergleiche mit früheren Zeiträumen zeigen, dass Pollensaisons heute früher beginnen, länger andauern und intensiver ausfallen als in der Vergangenheit. Dies weist auf langfristige, klimabedingte Veränderungen des Pollenflugs hin, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen (RKI 2023; BAuA 2022; BMUKN 2018).
Neben Pollen gewinnen auch andere klimabedingte Allergene an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere Schimmelpilze, deren Auftreten durch Feuchtigkeit und Extremwetter begünstigt wird, sowie Insekten, deren Aktivitätszeiten sich durch steigende Temperaturen verlängern (RKI 2023).
Diese Veränderungen wirken sich nicht nur auf den Alltag Betroffener aus, sondern gewinnen auch im Arbeitskontext zunehmend an Bedeutung, da Beschäftigte je nach Tätigkeit und Arbeitsumgebung über längere Zeiträume allergenen Belastungen ausgesetzt sind.

Abbildung 1: Pollenflugkalender für Deutschland. Quelle: DWD (2025)
Klimawandel verändert den Pollenflug grundlegend
Steigende Durchschnittstemperaturen, mildere Winter und erhöhte CO₂-Konzentrationen kennzeichnen den menschengemachten Klimawandel in Deutschland. Mit dem Klimawandel verändert sich nicht nur die Intensität, sondern auch die zeitliche Ausdehnung des Pollenflugs. Steigende Temperaturen und mildere Winter führen dazu, dass viele Pflanzen früher zu blühen beginnen und ihre Pollen über einen längeren Zeitraum freisetzen. Zudem wachsen einige Arten schneller und produzieren eher Pollen. Gleichzeitig verlängert sich bei einigen Arten das Ende der Blühphase. Deswegen ist eine zeitliche Überlagerung verschiedener Pollenarten zu erwarten, was die allergische Gesamtbelastung zusätzlich erhöht. Damit erhöht der Klimawandel sowohl die Dauer als auch die Intensität des Pollenflugs und Allergikerinnen und Allergiker sind fast das ganze Jahr über Pollen ausgesetzt (RKI 2023; BMUKN 2024).
Über den aktuellen Pollenflug informiert der DWD mit seinem Pollenflug-Gefahrenindex sowie verschiedene Wetterdienste oder die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst.
Stärkere Reaktionen
Verschiedene Studien zeigen, dass höhere CO₂-Werte die Allergenität (die Fähigkeit, allergische Reaktionen auszulösen) von Pollen steigern können (RKI 2023; Allergieinformationsdienst 2024; BMUKN 2024; BAuA 2022). Für Betroffene bedeutet das Beschwerden, die häufiger, länger und stärker ausgeprägt auftreten.
Die Reaktion des Körpers auf klimatische Bedingungen spielt außerdem eine Rolle. Hohe Temperaturen, Hitzeperioden und Luftschadstoffe wie Ozon oder Feinstaub können die Atemwege zusätzlich reizen. Der Allergieinformationsdienst weist darauf hin, dass diese Faktoren allergische Beschwerden verstärken und die Empfindlichkeit gegenüber Pollen erhöhen können (Allergieinformationsdienst 2024). Laut RKI kann Hitze die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich Heuschnupfen zu allergischem Asthma entwickelt (RKI 2023).
Extremwetter: Mehr als nur Hitze
Neben Hitze spielen auch andere Extremwetterereignisse eine Rolle. Starkregen und Gewitter können sogenannte „Gewitterasthma"-Ereignisse auslösen, bei denen Pollen durch Feuchtigkeit zerfallen und tief in die Atemwege gelangen (RKI 2023, S. 14).
In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass der Klimawandel extreme Wetterereignisse wie Stürme, Starkregen und Überschwemmungen verstärkt und dadurch feuchtere Bedingungen schafft, die das Wachstum von Schimmelpilzen innen wie außen begünstigen. Eine erhöhte Konzentration von Schimmelsporen in der Luft kann demnach zu häufigeren und stärkeren Asthmasymptomen bei Menschen mit allergischem Asthma führen. Zudem tragen starke Winde dazu bei, dass sich die Sporen über größere Distanzen verbreiten (Allergieinformationsdienst 2024; RKI 2023).
Insektenstiche als allergisches Risiko
Zunehmende Veränderungen in Umweltbedingungen wirken sich auch auf die Verbreitung und Aktivität von Insekten aus. Nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung nehmen Insektenstiche als Gesundheitsrisiko zu, insbesondere durch neue oder länger aktive Arten (DGUV 2024). Für sensible Personen können Stiche schwere allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock auslösen, was im Arbeitsumfeld ein ernstzunehmendes Risiko darstellt.
Neue Allergieauslöser und gebietsfremde Pflanzenarten
Der Klimawandel begünstigt zudem die Ausbreitung gebietsfremder, hochallergener Pflanzenarten. Ein bekanntes Beispiel ist die Ambrosia, deren Pollen bereits in kleinsten Mengen starke allergische Reaktionen auslösen können. Die Medizinische Universität Wien weist darauf hin, dass „neue Allergieauslöser" die Belastung zusätzlich erhöhen und die Pollensaison weiter verlängern (Medizinische Universität Wien 2024).

Allergene am Arbeitsplatz und Arbeitsschutz
Allergien sind im Arbeitskontext mehr als ein individuelles Gesundheitsproblem. Je nach Tätigkeit und Arbeitsumgebung können Allergene zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Zu den relevanten allergischen Erkrankungen zählen unter anderem Heuschnupfen, allergisches Asthma sowie allergische Hauterkrankungen wie Kontaktdermatitis (BAuA 2022).

Abbildung 2: Einfluss von Faktoren des Klimawandels auf Umwelt und damit auf die Beschäftigten an unterschiedlichen Arbeitsplätzen. Quelle: RKI (2023)
Von der Exposition gegenüber allergenen Quellen sind Beschäftigte an sehr unterschiedlichen Arbeitsplätzen betroffen (siehe Abb. 2). Besonders relevant sind allergene Belastungen für Beschäftigte in Außenbereichen, in offenen oder stark belüfteten Arbeitsumgebungen sowie für Personen mit bestehenden Atemwegserkrankungen.

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber:innen, Gefährdungen für die Gesundheit der Beschäftigten zu beurteilen und geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen (§ 5 Arbeitsschutzgesetz). Klimabedingte Allergierisiken fallen zunehmend unter diese Verpflichtung. Dazu zählen auch präventive Maßnahmen im Umgang mit Allergenen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin betont, dass Prävention eine zentrale Rolle spielt, da vorbeugende Maßnahmen in der Regel wirksamer und wirtschaftlicher sind als eine spätere Behandlung allergischer Erkrankungen (BAuA 2022, DGUV 2024).
Ein konkretes Beispiel ist der Umgang mit Ambrosia. Diese Pflanze gilt als besonders allergen und stellt eine anerkannte Gesundheitsgefahr dar. Neben der Gefährdungsbeurteilung sind gezielte Präventionsmaßnahmen erforderlich, etwa das frühzeitige Entfernen der Pflanzen vor der Blüte und der Schutz der Beschäftigten bei entsprechenden Arbeiten (LAVG Brandenburg 2016).
Eine weitere zentrale präventive Maßnahme ist die gezielte Information der Beschäftigten über die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels und den Zusammenhang mit allergischen Erkrankungen. Dazu gehört auch die frühzeitige Erkennung und Diagnostik allergischer Beschwerden. Allergien sind damit als fester Bestandteil eines zukunftsorientierten und klimaangepassten Arbeitsschutzes zu berücksichtigen (RKI 2023).
Blick in die Zukunft: Steigende Belastung für Arbeitswelt und Gesundheit
Bereits heute ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Allergien betroffen. Nach Angaben von Statista bezeichnen sich rund 12 Millionen Menschen in Deutschland selbst als Allergikerinnen und Allergiker (Statista 2024). Laut Schätzungen zufolge sind jedoch 20–30 Millionen Menschen in Deutschland von Allergien betroffen (RKI 2023). Gleichzeitig berichten rund 23% der Pollenallergiker von einer Zunahme ihrer Beschwerden in den vergangenen fünf Jahren, was den wachsenden Handlungsbedarf unterstreicht (AOK 2025)
Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass sich Beginn und Ende der Pollensaison in den vergangenen Jahren deutlich verschoben haben. Der Vergleich der Zeiträume 2000 bis 2007, 2007 bis 2011 und 2011 bis 2016 dokumentiert Veränderungen in den Flugzeiten verschiedener Pollenarten und belegt damit den Einfluss des Klimawandels auf den Pollenflug (BAuA 2022).
Diese zeitliche Ausdehnung der Pollensaison führt zu einer längeren Exposition gegenüber allergenen Pollen und erhöht damit die gesundheitliche Belastung. Davon sind nicht nur Menschen mit bereits bekannten Allergien betroffen. Veränderte Umweltbedingungen im Zuge des Klimawandels können auch das Risiko für neu auftretende allergische Erkrankungen erhöhen (RKI 2023).
Für die Arbeitswelt bedeutet das: Klimaanpassung muss den Gesundheitsschutz konsequent mitdenken. Allergische Belastungen entwickeln sich zunehmend zu einem dauerhaften Thema, das bei der Bewertung von Arbeitsplatzbedingungen und der Planung präventiver Maßnahmen berücksichtigt werden muss (BAuA 2022, RKI 2023). Eine vorausschauende und klimabewusste Unternehmensführung berücksichtigt daher nicht nur Extremwetterereignisse, wie Hitze und Starkregen, sondern auch veränderte Pollenbelastungen, Luftqualität und biologische Risiken.
Klimaanpassung im Arbeitskontext bedeutet, frühzeitig zu handeln und Gesundheitsschutz systematisch weiterzuentwickeln.
Unterstützung durch ADAPT2CARE
Das Projekt ADAPT2CARE unterstützt Unternehmen dabei, die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels strukturiert zu erfassen und geeignete Anpassungsmaßnahmen abzuleiten. Ziel ist es, digitale Lösungen zu entwickeln, die Betriebe bei der Einschätzung klimabedingter Gesundheitsrisiken und der Planung präventiver Maßnahmen unterstützen.
Bei Fragen zum Projekt oder zur Entwicklung der ADAPT2CARE Softwarelösung schreiben Sie gerne an: info@adapt2care.de.
Verwendete Quellen:
- AOK (2025): AOK-Umfrage: Jeder dritte Deutsche erhält Diagnose Allergie – Mehrheit davon hat Heuschnupfen
- Allergieinformationsdienst (2024):
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Allergien?
Klimawandel und Allergie - BAuA (2022): Klimawandel und Arbeitsschutz, 1. Auflage. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2022. Seiten: 108, PDF-Datei, DOI: 10.21934/baua:bericht20220601
- BMUKN (2018): Klimawandel und Pollenallergien
- DGUV (2024): Klimawandel: Mehr Allergien, mehr Insektenstiche
- DWD: Pollenflug-Gefahrenindex
- DWD (2025): Taschentuchsaison
- LAVG (2016): Schutz der Beschäftigten bei der Bekämpfung von Ambrosia. Hinweise für Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sowie Aufsichtsbehörden
- Medizinische Universität Wien (2024): Klimawandel und „neue“ Allergieauslöser verlängern Pollensaison
- PID: Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst
- RKI (2023): Auswirkungen des Klimawandels auf allergische Erkrankungen in Deutschland
- Statista (2024): Allergien in Deutschland
- Arbeitsschutzgesetz: ArbSchG (Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit)


